Wie eTwinning-Schulteams gut funktionieren können

On September 25, 2012, Veröffentlicht von , in Teamentwicklung, By ,,,,,,, , mit Kommentare deaktiviert für Wie eTwinning-Schulteams gut funktionieren können

Quelle: http://www.etwinning.de/praxis/schulteams/prozesse/2.php

Daniela Sauermann für eTwinning: Netzwerk für Schulen in Europa

Lehrerinnen und Lehrer stehen vor vielen Anforderungen im Schulalltag. Neben fundiertem Fachwissen und fachdidaktischer Kompetenz gepaart mit persönlicher Präsenz und Ausstrahlung reagieren sie mit Professionalität auf unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten und ersetzen oftmals die fehlende häusliche Erziehung. Lehrer meistern den Spagat zwischen Zuwendung und Führung. Kraft und Ressourcen sollte das Kollegium geben, doch oft ist die Tätigkeit vom Einzelkämpfertum geprägt. Teambildende Maßnahmen oder Netzwerkstrukturen gibt es kaum, sind nicht bekannt oder werden nicht angenommen.

Ein Fallbeispiel

Frau Gerlen ist Lehrerin einer Grundschule in Berlin und unterrichtet in einer 5. Klasse. Ihr Anspruch ist, mit vielfältigen Lehr- und Lernmethoden den Kindern den Unterrichtsstoff zu vermitteln und sie wünscht sich dabei viel mehr Austausch im Kollegium. Während es ein Leichtes ist, über Freizeitverhalten oder eigene Befindlichkeiten zu sprechen, stößt sie beim fachlichen Gespräch auf eine undurchdringliche Mauer. Nur vereinzelt berichten Lehrkräfte von ihren Erfahrungen oder geben Tipps bei der Materialsuche. Der Versuch seitens Frau Gerlen, gemeinsam mit einer Lehrerin einer anderen Klasse ein Englisch-Projekt anzustoßen, scheitert gänzlich an deren Bereitschaft zu kooperieren.

Auf der Suche nach Partnerschaft

Frau Gerlen fragt sich inzwischen, warum es in ihrem Kollegium so schwer ist, als Team gemeinsam zu unterrichten. Sie hatte schon so viele Ideen entwickelt, wie sie mit ihrer Kollegin das Englisch-Projekt hätte aufziehen können und war sehr enttäuscht über das unbegründete Nichtzustandekommen. Da Frau Gerlen sich aber nicht von ihrem Vorhaben ablenken lässt, mit ihrer Schülerschaft ein tolles Englisch-Projekt zu starten, geht sie auf die Suche… Über eine ehemalige Kollegin hört sie vom Programm eTwinning, aber konkrete Informationen konnte sie ihr nicht entlocken. Kurzerhand recherchiert Frau Gerlen, was sich hinter eTwinning verbirgt, in der Hoffnung, ihrem Wunsch nach Zusammenarbeit näher zu kommen.

 

Was bietet eTwinning?

Frau Gerlen stellt fest, dass es leichter als gedacht war zu erfahren, was eTwinning ist. Schnell stößt sie auf die Startseite vom Netzwerk für Schulen in Europa. Ist es das, was sie sucht? Sie kommt schnell zu dem Entschluss, dass sie hier auf ein unbürokratisches und wenig aufwendiges Programm gestoßen ist, um eine „Partnerschaft“ mit Lehrkräften anderer Schulen aufzunehmen. Und sogar mit Lehrern der gleichen Schule könnte sie bei eTwinning kooperieren. Bei eTwinning vernetzen sich europaweit Lehrkräfte unterschiedlicher Fächer, Jahrgangsformen und Schulformen mit ihren Klassen untereinander über das Internet und bearbeiten gemeinsam Projekte zu selbst gewählten Themen. Über eine geschützte Plattform (ein sogenanntes virtuelles Klassenzimmer, den TwinSpace) können die Partnerklassen miteinander kommunizieren, kooperieren und ihre Projektergebnisse austauschen.

Welche Vorteile bietet eTwinning für Lehrkräfte, Schülerschaft und Schule?

Schnell sind für Frau Gerlen die Vorteile von eTwinning ersichtlich und zwar nicht nur für sie als Lehrerin, sondern auch für die Schüler und für die Grundschule selbst:

Lehrkräfte:

  • Vermittlung von Partnerschulen in ganz Europa (über eine Partnersuchoption)
  • Beratung und Begleitung hinsichtlich technischer oder pädagogischer Fragestellungen
  • Fortbildungsveranstaltungen
  • Projektbeispiele und Unterrichtsanregungen
  • fachlichen Austausch mit europäischen Lehrkräften

Schüler:

  • im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken ist die eTwinning-Plattform ein geschützter virtueller Raum
  • authentisches Fremdsprachenlernen
  • Motivation durch lebendige Projektarbeit
  • kreativer Medieneinsatz
  • Abbau von Hemmnissen, Förderung von Toleranz und Verständnis für andere Kulturen

Schule:

  • kostenlose Nutzung der Arbeitsplattform von eTwinning
  • Ausbau bestehender Schulpartnerschaften
  • öffentliche Anerkennung der Projektarbeit durch das Qualitätssiegel und den Deutschen eTwinning-Preis

Ein Projekt kann starten….

Übersichtlich und unterstützt durch beispielsweise Vorlagen, Checklisten, Videotutorials, Unterrichtsmaterial, Projektmaterialien findet Frau Gerlen bei eTwinning eine passende Partnerschule. Inzwischen hat sie außerdem soviel Überzeugungsarbeit und Begeisterung versprüht, dass sich noch zwei weitere Lehrerinnen aus der Grundschule für das eTwinning Programm interessieren und mit ihren Klassen teilnehmen möchten. Starke Bedenken bei den beiden Lehrerinnen, dass das Programm viel Zeit binden und unüberschaubare Mehrarbeit bedeuten würde, konnten ausgeräumt werden.

Das neu gegründete Schulteam startete nahezu reibungslos mit dem Projekt „learning together“ mit einer Partnerklasse aus England, bei dem die Schulen ein gemeinsames Radioprojekt verfolgen. Die Kinder lernen unter anderem, wie ihre Beiträge über das Internet ausgestrahlt, Wettervorhersagen vorbereitet, aber auch Musik abgespielt werden. Mit vielen Ideen, großer Motivation und ersten Erfolgserlebnissen fühlen sich die Klassen und auch die Lehrerinnen bestärkt, dass die deutsch-britische Partnerschaft eine gute Entscheidung war. Dennoch macht sich Frau Gerlen Gedanken über die Zusammenarbeit im eTwinning Schulteam. Generell hat sie wenig Erfahrung sammeln können in der Teamarbeit und fragt sich, ob sie und die beiden anderen Lehrerinnen überhaupt ein Team sind. Frau Gerlen überlegt, dass sie manchmal komische Untertöne heraus hört, wenn sie das technische Knowhow nicht gleich versteht. Dabei hat sie doch die Kolleginnen mit ins Boot geholt, warum sind diese ihr dann nicht dankbar? Und so grübelt sie noch weiter und macht sich folgende Gedanken:

  • Ist mein Team überhaupt ein Team?
  • Ziehen wir alle an einem Strang? Haben wir das gleiche Ziel?
  • Stehen wir nicht in Konkurrenz zueinander?
  • Was macht überhaupt ein gutes Team aus?
  • Wie reden wir eigentlich untereinander?
  • Sind eigentlich unsere Aufgaben gut verteilt?

Exkurs: Was sind eTwinning Schulteams?

Als eTwinning-Schulteam werden alle Personenzusammenschlüsse bezeichnet, die innerhalb einer Schule an einem eTwinning Projekt arbeiten. Zum Beispiel:

  • Zwei oder mehrere eTwinning Lehrkräfte derselben Schule, die am selben Projekt arbeiten
  • Eine Gruppe von Lehrkräften, die an separaten eTwinning Projekten arbeitet und Ideen austauscht
  • Eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen derselben Schule, die bei eTwinning registriert ist. Jede Gruppe ist an einer oder mehreren eTwinning Aktivitäten beteiligt (Projekte, Bildungsveranstaltungen, Gruppen, Lehrerzimmer, etc.) und tauscht Erfahrungen aus.

Frau Gerlen kommt zu dem Entschluss, dass sie das gemeinsame Schulprojekt mit eTwinning sehr schätzt und es nur gut zu Ende geführt werden kann, wenn sie mit ihren beiden Kolleginnen auch eine gute Teamarbeit vollbringt und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt. Doch wie laufen Teamentwicklungsprozess ab? Welche Schwierigkeiten können auftauchen und mit welchen Maßnahmen Konflikte innerhalb des Teams bewältigt werden? Gewohnt tatkräftig beschließt Frau Gerlen, dass sie nur gemeinsam mit ihre beiden Kolleginnen in den Teamentwicklungsprozess eintauchen kann.

Schritte auf dem Weg zum Team

Schritt 1: Was brauchen wir, um ein gutes Team zu sein?

In einer Freistunde setzen sich die Lehrerinnen zusammen. Frau Gerlen hat  dafür gesorgt, dass Getränke und Knabberzeug bereitstehen und nach einem kleinen Smalltalk fangen die Frauen an, sich mit dem Thema „Team“ auseinandersetzen. Auf einem vorbereiteten Flipchart steht als Überschrift „Was kennzeichnet ein gutes Team?“. Nach einer kurzen Bedenkzeit werden die „Erfolgskriterien“ für ein gutes Team genannt. Dabei ist jede Idee willkommen und wird auf dem Flipchart notiert. Da es sich bei der Zuruffrage um eine unkommentierte Sammlung handelt, sollen die unterschiedlichen Kriterien erst einmal nicht bewertet und diskutiert werden.

Erfolgskriterien sammeln

Alle drei Lehrerinnen sind bereit darüber nachzudenken, was in ihrem Schulteam gut läuft und was sie brauchen, um ein gutes Team zu sein. Kaum ist die erste Idee auf dem Flipchart notiert, sprudelt es aus den Lehrerinnen nur so heraus:

  • Absprachen einhalten
  • Aus Fehlern lernen
  • Freude und Spaß haben
  • Regeln beachten
  • Klare Aufgabenverteilung
  • Vertrauen haben und aufbauen
  • Gemeinsame Ziele vereinbaren
  • Sich gegenseitig akzeptieren und unterstützen
  • alle tragen Verantwortung

Schritt 2: Team oder Gruppe?

In einem zweiten Schritt stellen sich die Lehrerinnen die Frage, ob sie tatsächlich ein Team sind oder eine Gruppe? Eine Übung zur Unterscheidung zwischen den Begriffen „Team“ und „Gruppe“ regt dabei zur Selbstreflexion an.
Wie unterscheiden sich Teams von Gruppen?
In der Regel bezeichnet sich ein Team selbstverständlich als Team. Aber erfüllen sie tatsächlich die Kriterien eines Teams oder sind die angeblichen Teams einfach nur Gruppen? Hier ist eine Feindifferenzierung gefragt. Frau Gerlen hat bei der Vorbereitung im Internet recherchiert und folgende Übung gefunden, die sie nun mit ihren Kolleginnen ausprobiert.  Um den Unterschied zwischen Gruppe und Team zu verinnerlichen, legt sie ein großes Papierblatt auf den Tisch und unterteilt es in zwei Spalten mit den Überschriften „Gruppe vor Bushaltestelle“ und „Fußballmannschaft“. Anschließend legt  sie die beschrifteten Moderationskarten auf den Tisch und gemeinsam ordnen sie Karten den Überschriften und gleichzeitig den Merkmalen von Teams und Gruppen zu. Bestenfalls sieht das Ergebnis folgendermaßen aus:

 

Tabellarische Gegenüberstellung von Team und Gruppe Die Übung zur Unterscheidung von Gruppe und Team bietet Gelegenheit festzustellen, welche Kriterien in welcher Qualität unter den Kollegeninnen als gegeben angesehen werden. Wünschenswert ist, dass die Merkmale an konkreten Beispielen beziehungsweise Situationen im beruflichen Zusammenhang diskutiert werden.

Schritt 3: Wo stehen wir?

Teamentwicklungsprozesse laufen in Phasen ab, die ihre eigenen Charakteristiken aufweisen. Am Beispiel der Teamphasen nach Tuckman können die Kolleginnen bestimmen, an welchem Punkt dieses kreisförmigen Modells sie stehen.


Beispielmodell: Die Teamphasen nach Tuckman

Teamphasen nach Tuckman: Wenn Menschen miteinander arbeiten, so beeinflussen sie sich gegenseitig mit ihrem Verhalten. Gruppendynamische Prozesse sind die Folge. Ähnlich wie der Mensch bestimmte Entwicklungsphasen durchläuft, sind auch Teams lebende Systeme, die entstehen, wachsen und sich stetig weiter entwickeln. Diese Entwicklung kann anhand des Modells der Teamphasen nach Tuckman (1965) dargestellt werden. Jede Phase ist dabei gleich wichtig und hat eine konstituierende Bedeutung für den Teamentwicklungsprozess.

 

Forming

Die Formierungsphase wird auch „forming“ oder Orientierungsphase genannt. Die Teamstruktur ist von Unsicherheit geprägt, da sich die Personen erst kennenlernen müssen. Die Umgangsformen sind vorsichtig, freundlich und höflich. Jeder versucht sich in der neuen Gruppe einzufinden und testet aus, welches Verhalten in der Gruppe akzeptiert wird.

 

Storming

In der so genannten Konfliktphase wird das vorsichtige freundliche Miteinander gestört. Aufgrund individueller Bedürfnisse und Meinungen entstehen in der Gruppe Konflikte, Konkurrenzdenken, Machtkämpfe und Sympathie/Antipathie.

Norming
In der Regelphase werden die Konflikte durch offenen Meinungsaustausch geklärt. Ziel ist, die Verschiedenheiten zu akzeptieren und Arbeitsabläufe oder „Spielregeln“ zu vereinbaren, die für alle vertretbar sind. Es wird eine Basis geschaffen, die den Umgang miteinander klärt und an die sich alle halten wollen. Ein „Wir-Gefühl“ setzt langsam ein.

Performing
Wenn die Konflikte und die Arbeitsorganisation weitgehend geklärt sind, kann in der Arbeitsphase das Team seine Aufgaben effizient erfüllen. Das Team handelt zielgerecht und ist offen zueinander. Jede/r setzt seine/ihre individuellen Fähigkeiten ein und erfährt so seine/ihre Nützlichkeit und Wichtigkeit im Teamverbund. Hochmotiviert werden die gemeinsamen Ziele erreicht.

Auslösungsphase
Eine fünfte Phase spielt dann eine Rolle, wenn es durch Kündigung eines Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin, Schwangerschaft oder Krankheit Änderungen im Team gibt. Im Anschluss an diese Auslösungsphase beginnt die Teamentwicklung wieder mit der Orientierungsphase.

 

Schritt 4: Alle müssen einen Beitrag leisten

An ein gemeinsames Ziel kommt man nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Ist die Einordnung in die entsprechende Teamphase erfolgt, geht es darum zu überlegen, wie die Qualitätskriterien in die Tat umgesetzt werden können.
Was kann ich für mein Team leisten?
Die Lehrerinnen sind zwar erstaunt, aber nicht handlungsunfähig, als sie feststellen, dass sie sich in der Stormingphase bewegen. Nun ist auch klarer, warum es immer wieder zu Reibereien gekommen ist. Nicht nur, dass jede in diesem neuen internationalem Projekt ihre  Rolle finden muss, ist den Frauen bewusst geworden, sondern vor allem auch, dass jede ihren Aufgabenbereich kennt und selbstverantwortlich durchführt.

 

Exkurs:
Tipps für die Leitung, damit das Team in die Arbeitsphase gelangt

  • Formingphase: viel miteinander reden und Raum für Fragen schaffen
  • Stormingphase: sich von den Streitereien und Konflikten abgrenzen; gemeinsam reflektieren, welche Anliegen seitens der Mitarbeiter vorrangig sind; Spielregeln für das Miteinander schaffen
  • Norming: Vereinbarungen, Regeln, Ziele und Aufgaben in den Mittelpunkt stellen und bearbeiten
  • Performing: Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Leistung bestärken, Erfolge feiern und die Fortschritte des Teams benennen

Die Ergebnisse in regelmäßigen Teamsitzungen weiter verarbeiten

Die drei Lehrerinnen sind nach ihrer Erkenntnis in einer gemeinsamen Aufbruchstimmung und wollen an der guten und konstruktiven Zusammenarbeit arbeiten. Sie nehmen sich vor, in regelmäßigen Abständen ihren Austausch zu festigen, ggfls. auch online, falls ein Präsenztreffen zeitlich nicht vereinbar ist. eTwinning stellt mit seinem TwinSpace ein virtuelles Klassenzimmer zur Verfügung oder sie nutzen den Chat. Schon fühlen sich die Lehrerinnen ein wenig wie ihre Schüler, die diese Tools inzwischen sehr gern nutzen, um mit den englischen Partnerschülern zu kommunizieren.

Das kleine Lehrerkollegium beschließt, nicht nur den Projektverlauf gemeinsam zu verfolgen, motivierend, korrigierend oder mit neuen Impulsen einzugreifen, sondern auch an Fragestellungen zu arbeiten, die für ein Lehrerteam nicht unbedingt immer zwingend gesehen werden:

  • Was genau sind unsere Ziele in der Zusammenarbeit?
  • Was brauchen wir voneinander, um etwas zu erreichen?
  • Wie arbeiten wir mit Engagement an Dingen, die uns wirklich wichtig sind?
  • Wie können wir uns besser gegenseitig informieren?
  • Wie erweitern wir im Lauf der Teamarbeit unsere Fähigkeiten, um das zu erreichen, was wir anstreben?

In einem Punkt sind sich die Lehrerinnen einig: Sie wollen nach dieser Pionierarbeit unbedingt noch weitere Kolleginnen und Kollegen ins eTwinning-Boot holen und die Teamarbeit in der Schule fördern.

Autorin: Daniela Sauermann

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